Die Sacherläuterungen in der digitalen Editorik. Auf der Suche nach der Best Practice

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1.0
Jutta Eckle Autor*inneninformationen

Weitere Beteiligte: Anja Stehfest (Sächsische Akademie der Wissenschaften – Visualization)

DOI: 10.17175/sb007_003

Nachweis im OPAC der Herzog August Bibliothek: 1902705807

Erstveröffentlichung: 30.12.2025

Lizenz: CC BY-SA 4.0, sofern nicht anders angegeben. Creative Commons Deed

Letzte Überprüfung aller Verweise: 06.11.2024

GND-Verschlagwortung: Digitale Edition | Webdesign | Leseforschung | Kommentar | Editionsphilologie

Empfohlene Zitierweise: Jutta Eckle: Die Sacherläuterungen in der digitalen Editorik. Auf der Suche nach der Best Practice. In: Daniela Schulz / Marcus Baumgarten / Torsten Schaßan (Hg.): Digitales Edieren gestern, heute und morgen (= Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften / Sonderbände, 7). Wolfenbüttel 2025. 30.12.2025. HTML / XML / PDF. DOI: 10.17175/sb007_003


Abstract

Der Beitrag beschäftigt sich mit kommentierenden Ausgaben aus dem Bereich der neugermanistischen Editionsphilologie. Bei der Transformation ins digitale Medium sind die etablierten Muster zur inhaltlichen und formalen Präsentation von Sacherläuterungen (Überblicks- wie Einzelstellenkommentare sowie ergänzende und rezeptionssteuernde Paratexte der Editor*innen) neu zu betrachten und unter Maßgabe der veränderten Präsentations- und Rezeptionsmodi (erweiterten visuellen und akustischen Möglichkeiten) weiterzuentwickeln. Der Beitrag enthält erste Beobachtungen, die zu weiterführenden theoretischen wie praktischen Betrachtungen anregen wollen, mit dem Ziel in näherer Zukunft erweiterte digitale Standards für komplexere Sacherläuterungen zu etablieren.


This article deals with commented critical editions in modern germanistic edition philology. In the transformation to the digital medium, the long-established patterns for representing content of factual explanations (overview and individual passage commentaries as well as supplementary and reception-guiding paratexts by the editor) must be reconsidered and further developed in accordance with the changed modes of presentation and reception (extended visual and acoustic possibilities). The article contains initial observations that are intended to stimulate further theoretical and practical considerations with the aim of establishing new digital standards for commenting in the near future.


1. Standortbestimmung: Sacherläuterungen in der neugermanistischen Editionsphilologie

[1]Es ist kein Geheimnis, dass in der Entwicklung der Editorik heute ein Stand erreicht ist,‍[1] an dem reine Printausgaben endgültig der Vergangenheit angehören und nun – wie die Edition Jean Paul – Sämtliche Briefe digital[2], eines der ältesten Unternehmen der Preußischen Akademie der Wissenschaften – auf ›ziemlich geradem Weg‹ digital wiedergeboren werden müssen, wollen sie weiterhin genutzt werden. Dabei gilt es – und dies ist wohl die wichtigste Herausforderung in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten – die seit dem 19. Jahrhundert in der neugermanistischen Editionsphilologie etablierten wissenschaftlichen Konventionen – hier die typografische Darstellung des Kommentars als Fließtext oder lemmatisierte Einzelstellenerläuterung – zu remediatisieren, an die neuen Gegebenheiten anzupassen, d. h. sie zu übersetzen oder neu zu kodifizieren. Dies ist zu leisten, will man das hohe Niveau, das die Editionsphilologie als wissenschaftliche Disziplin inzwischen erreicht hat, auch in Zukunft bewahren.‍[3] Wie Sacherläuterungen darzustellen sind, dazu hat sich in Printausgaben ein relativ verbindlicher Kanon von vertrauten Mustern und diakritischen Zeichen etabliert. Als Beispiel sei an dieser Stelle ein Seitenblick auf die gedruckten Kommentarbände von Johann Wolfgang von Goethe. Briefe. Historisch-kritische Ausgabe (GB)‍[4] erlaubt.

Abb. 1: Kommentarbestandteile in der historisch-kritischen Goethe-Briefausgabe, hier Kommentar zu Goethes Brief vom 25. Mai 1795, wohl an Heinrich Blümner, Nr. 116 aus GB 10. [Scans aus: von Ammon et al. (Hg.) 2008–; schematische Übersicht: Anja Stehfest 2024]
Abb. 1: Kommentarbestandteile in der historisch-kritischen Goethe-Briefausgabe, hier Kommentar zu Goethes Brief vom 25. Mai 1795, wohl an Heinrich Blümner, Nr. 116 aus GB 10. [Scans aus: von Ammon et al. (Hg.) 2008–; schematische Übersicht: Anja Stehfest 2024]

[2]Auf die Kopfzeile mit Nennung der Briefnummer, von Adressaten, Absendeort und -datum sowie des Empfangsorts (roter Kasten) und den Apparat mit sämtlichen Angaben zur textkritisch relevanten Überlieferung (grüner Kasten) folgen ein Überblickskommentar mit Angaben zum Umfang und Charakter der Korrespondenz, zu zentralen Themen und zu Goethes Beziehung zum Adressaten (blauer Kasten) sowie Erläuterungen zu einzelnen Briefstellen (gelber Kasten). Dabei ist die Typografie selbst schon bedeutungstragend, Teil der Semantik des Editortextes. Ohne lange Erklärungen zu benötigen, erleichtert sie entscheidend die Aufnahme und Bewertung der dargebotenen Informationen. Dieses eingeführte bedeutungstragende Zeichenrepertoire, wie das durch die Nennung von Seiten- und Zeilenzahl mit dem Text verbundene, durch eckige Klammer von der kursiv gesetzten eigentlichen Erläuterung abgegrenzte Lemma, wird sich wohl kaum 1:1 in die digitale Kommentierungspraxis übertragen lassen. Die Ästhetik und Gestaltung des Buches lassen sich ebenso wenig wie die Materialität des Druckwerks in ein fluides Medium, in eine digitale Publikation übertragen. Digitale Texte bleiben jederzeit weiter formbar, sind zu keinem Zeitpunkt distinkte physische Objekte. Sie vermitteln Inhalt und Bedeutung ohne feste physikalische Form. Sie werden anders verbreitet und genutzt. Ein Vergleich von Print- und Bildschirm- bzw. Displaydesigns kann dies augenfällig machen. Modifizierbare Zeilenlängen, Kontraste und Farbigkeit kennt das Buch nicht. Die Wiedergaben von Bildern und Scans von Objekten, die neue Möglichkeiten bei der Kommentierung bieten, sind im gedruckten Band zahlenmäßig limitiert, Video- und Audiosequenzen einzubinden, ist unmöglich. Mit der Abhängigkeit von technischen Geräten stellen sich nun andersartige Fragen. Walter Morgenthaler hatte im Tagungsband Kommentierungsverfahren und Kommentierungsformen (1993) noch pessimistisch geseufzt: »Wer wollte schon freiwillig, umdröhnt vom unvermeidlichen Ventilator, dauerbestrahlt von der Bildröhre, meist eingeengt auf das lästige 25-Zeilen-Format und genervt durch die ausgefransten Zeichensymbole – wer also wollte schon ganze Texte am Bildschirm lesen und auch nur ausgedehntere Apparatteile ebenda eingehender studieren!«‍[5] Inzwischen sind die Geräte kleiner geworden, tragbar, mobil, ganz ohne surrende Lüfterräder, die Bildschirme und Displays zwischenzeitlich deutlich kontrastreicher und damit lesefreundlicher. Vor dem Hintergrund dieses technischen Fortschritts erscheint es legitim, auch eine digitale Präsentation von ausführlich kommentierten Ausgaben in Betracht zu ziehen, die – anders als ›Computer-Editionen‹, die oft nur praktische Ergänzung zum Buch waren, zum Zwecke der effizienteren Recherche in den Texten (Volltextsuche) – konkret Leser*innen, Philolog*innen und Literaturhistoriker*innen im Blick haben, wohl wissend, dass im Backend, auf der Ebene der Forschungsdaten, sich die mit Programmierkenntnissen ausgestatteten Digital Humanists selbst eigene Zugänge zu den Daten der Edition schaffen können. Diese besondere Gruppe ist keineswegs auf ein eingängiges Frontend, eine markante Benutzungsoberfläche (User Interface), angewiesen. Möglich wird diese variable Nutzung durch die Trennung von Encoding und Representation, wodurch sich ein und dieselben Daten ganz unterschiedlich modellieren und darstellen lassen. Es versteht sich von selbst, dass man auf eine angenehm les- und leicht studierbare Darstellung von Text und Kommentar auf einer Benutzungsoberfläche verzichten kann, wenn man sich darauf einigen könnte, dass allein nach den Regeln der Text Encoding Initiative (TEI) kodierter Inhalt (Content), hier edierter Text und Kommentar einer wissenschaftlichen Edition, die wichtigste eigenständige Forschungsleistung darstellt. Schon eine solche digitale, alle Ergebnisse des Projekts enthaltende Ausgabe in wohlgeformten und validen XML-Daten wäre mit fein granulierten Persistent Identifiers (PIDs) zitierbar, in Verbindung mit einem wohldokumentierten Datenmodell nutzbar, zudem mit gängigen XML-Technologien prozessierbar und langzeitarchivierbar.‍[6] Interessanterweise verzichtet bislang dennoch keine einzige digitale Ausgabe darauf, sichtbar zu sein und dafür aufwändig einen digitalen Auftritt zu entwickeln. Und dies, obwohl mit Sicherheit jede mit viel Aufwand entwickelte grafische Benutzungsoberfläche um ein Vielfaches schneller veraltet als die auf ihr zu findende wissenschaftliche Kommentierung! Markante Benutzungsoberflächen stellen sicher, dass die Edition nicht nur genutzt, sondern auch aktiv gelesen werden kann, dass sie durch spezifische Gestaltungselemente wiedererkennbar bleibt und sich ihre Inhalte damit leichter memorieren lassen. Sie garantieren weiterhin, dass sich Menschen mit den Inhalten eingehend und konzentriert beschäftigen können. Es sollte deshalb auch dem*der klassischen Forschenden oder interessierten Liebhaber*in heutzutage noch immer ein leicht lesbarer Text mit intuitiv fasslichen Apparaten digital dargeboten werden, mit Paratexten und textkritischen Erläuterungen und eben mit instruktiven Überblicks- und Einzelstellenkommentaren.

2. Status Quo: Sacherläuterungen in der digitalen Editorik

[3]Nativ-digitale oder hybride Ausgaben auf historisch-kritischem oder kritischem Niveau mit ausführlichen Erläuterungen zu literaturhistorischen Gegenständen, die über die Darbietung kurzer Annotationen hinausgehen, findet man – anders als im Portfolio der gedruckten Editionen – trotz allem gegenwärtig noch relativ selten, wie eine intensive Durchsicht von Patrick Sahles A Catalog of Digital Scholarly Editions[7] zeigt. Nach wie vor werden gedruckte Bücher elektronisch angeboten, sind digitale Angebote in der Gestaltung maßgeblich von der Drucktradition inspiriert. Ganz offensichtlich bestehen auch nach dem allseits verkündeten Digital Turn in Textual Scholarship[8] noch Bedenken, was die Usability dieser ausführlichen Erläuterungen von Textstellen im syntagmatischen Kontext angeht, die verlorenes und vergessenes Wissen bereitstellen und damit die Voraussetzung für eine adäquates Verständnis der Texte neu schaffen oder, um es mit Bodo Plachta zu sagen, »Wissen erschließen« und »Erkenntnisse sichern«.‍[9] Mehrheitlich bestehen die Vermittlungsleistungen der Erläuterungen, wenn vorhanden und von den digitalen Editor*innen überhaupt angestrebt,‍[10] neben knappen Informationen zum Gegenstand und zur Überlieferungslage sowie der Auszeichnungen von Entitäten im Text meist aus ins Enzyklopädische oder Allgemeine gehenden Erklärungen zu Wörtern, Sachen oder Namen aus Lexika und Wörterbüchern (grundlegende Hilfsmittel, die auch jedem / jeder Nutzenden zumeist unmittelbar zur Verfügung gestanden hätten), knappen Nachweisen von Zitaten oder Verlinkungen auf externe Ressourcen, sodass die für einen guten Kommentar notwendige zeitliche und räumliche Spezifik, der enge Bezug zu der zu erläuternden Textstelle und ihrem historischen Kontext, oft nicht mehr gegeben ist. Aber hierin liegt doch gerade der Wert eines Sachkommentars: Er sollte alle zum Verständnis des edierten Textes notwendigen sprachlichen, sachlichen, historischen, literarischen und biografischen Aufschlüsse liefern, in sprachlich knapper und verständlicher Form. Ästhetisch ansprechende Seiten, die zu ›Festen des Lesens und Forschens‹ werden können, sind weiterhin äußerst selten: Der Aspekt des Using (des edierten Materials durch Nutzer*innen) dominiert häufig gegenüber dem des Reading (einer Edition, eines Werks, einer Korrespondenz durch Leser*innen). Leseaffine Ausgaben lassen das freie Entdecken eines Werks oder einer Korrespondenz zu und ermöglichen Forschenden ein konzentriertes Studium der Inhalte. Die häufig präferierten Einstiege in die Edition über Suchfunktionalitäten, über Werk- und Adressatenlisten oder über eine Zeitachse, nötigen zur bewussten Auswahl und behindern bedauerlicherweise dabei – anders als in einem gedruckten Buch – das zufällige Entdecken von Unerwartetem und Neuem im gesamten dargebotenen Material.‍[11]

[4]Theoretische Beiträge zur digitalen Editorik enthalten so manches Visionäre, aber kaum Praktikables. Als Beispiel unter vielen sei an dieser Stelle lediglich an Sahles dreibändige Publikation Digitale Editionsformen erinnert, wo er im ersten Teil unter der Überschrift »Methode und Technologien« von den »Sachanmerkungen« fordert:

»Von der Logik der Erschließung für ein unbekanntes Publikum her kann es niemals zu viele Sacherläuterungen geben. Für eine effiziente Nutzung sollten sie allerdings von Vorwissen und vielleicht auch von der Fragerichtung differenziert sein. Beides wird vom Medium Buchdruck gehemmt: Die Menge der Sachanmerkungen wird durch den verfügbaren Raum beschränkt, eine Aufspaltung in mehrere Ebenen würde die ohnehin komplizierte Benutzung kritischer Editionen weiter behindern.«‍[12]

Kommentare nach Zielgruppen zu differenzieren, abhängig von den Bedürfnissen der Nutzer*innen und ihren verschiedenen Erkenntnisinteressen, Erläuterungen also, die wie ein Chamäleon, das alle denkbaren Farbfacetten enthält und sich an unterschiedlichste Nutzerumgebung anzupassen vermag, ohne einzelne Leser*innen mit ›Fehlfarben‹ und ›Misstönen‹ zu unter- oder zu überfordern, sind eine wunderbare Vorstellung, aber leider weit weg von jeder Umsetzbarkeit: Wer sollte all diese verschiedenen Kommentare schreiben und wie müsste das Projektfördersystem aussehen, das derart vielgestaltige ›Erläuterungslandschaften‹ finanzierte? Eine pragmatische Lösung wäre sicherlich ein im Aufbau intuitiv fassliches, logisch nachvollziehbares Informations- und Interaktionsdesign, das in der Benutzungsoberfläche die parallele Betrachtung von ediertem Text (in verschiedenen Ansichten von gegebenenfalls unterschiedlichen Textstufen) und der zugehörigen Kommentierung zur Textkritik und zu den Personen und Sachen ermöglicht. Wie in den gedruckten Ausgaben sollte dabei aus informationslogischen Gründen strikt zwischen Autortext und Editortext unterschieden werden, und dies, obwohl beide Seiten wie Avers und Revers einer Medaille unauflöslich miteinander verbunden sind. Editortext ist von jeher mit einer Ausgabe verbunden, die mehr sein möchte als eine objektive, voraussetzungslose Bereitstellung von historischem Material zu Forschungszwecken. Edition und Erläuterung sind zwangsläufig eng aufeinander bezogen, denn auch textkritische Entscheidungen sind ohne die Auseinandersetzung mit Gehalt, Entstehungs- und Publikationsgeschichte eines zu edierenden Textes in vielen Fällen nicht möglich, chronologische Folgen ohne sachlich begründbare Datierungen oder Autorschaftszuweisungen kaum denkbar, tieferes Verständnis ohne Rückbezüge auf die jeweiligen historischen Kontexte nicht zu erreichen. Die Auszeichnung von Entitäten im edierten Text und das Einfügen von kuratierten Hyperlinks sind allenfalls rudimentäre, wenig spezifische Arten der Erläuterung durch eine*n Editor*in. Die Ausgabe des Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Arthur Schnitzler. Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren 1888–1931[13] liefert eher Vorarbeiten zu einem Register, wenn erwähnte Personen aufgelistet werden, und bietet die Bequemlichkeit der Nutzenden fördernde Informationen, die diese mit hoher Wahrscheinlichkeit auch selbst gefunden hätten. Viele Fragen, die sich den Leser*innen bei der Lektüre stellen, werden nicht als solche erkannt und deshalb auch nicht in den Erläuterungen beantwortet. Zur Illustration sei hier auf den Brief von Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal vom 7. Januar 1893 verwiesen.

Abb. 2: Ansicht des Briefes von Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 7. Januar 1893. [Aus: Müller et al. (Hg.) 2018; Screenshot: Anja Stehfest 2024]
Abb. 2: Ansicht des Briefes von Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 7. Januar 1893. [Aus: Müller et al. (Hg.) 2018; Screenshot: Anja Stehfest 2024]

[5]Die darin thematisierte Frage, ob der Adressat mit einer Besprechung von einem seiner Werke in der Wiener Sonntag- und Montagszeitung zufrieden gewesen sei, ist über einen Hyperlink mit einer vollständigen Jahresauswahl der Zeitschrift in ANNO. Historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften verbunden. In einer Fußnote wird unter dem Lemma »zufrieden« auf die entsprechende Besprechung von Robert Hirschfeld in der Druckausgabe der historischen Zeitschrift hingewiesen,‍[14] die von den Nutzenden nun eigenständig zu suchen ist, weil ein direktes Referenzieren auf den Beitrag in der digitalen Ressource in der hierfür notwendigen Feingranularität nicht möglich ist. Ebenso verhält es sich mit dem durch die Verwendung von Kapitälchen (als diakritischer Markierung für Georeferenzierungen) hervorgehobenen Lokalitäten »Pfob« und »Griensteidl«: Die Hyperlinks führen jeweils zu aktuellen Karten, die Auskunft über die geografische Lage der historischen Cafés im heutigen Wien geben. Man erfährt damit weder, ob der Verfasser des Briefes tatsächlich am Dienstag an diesem Ort bzw. am Sonntagmorgen um 7 Uhr an jenem Ort war, noch welche besondere Bedeutung diese Örtlichkeiten im Leben beider Korrespondenten oder der damaligen Wiener Kulturschaffenden gespielt hatten. In problematischer Weise vermischen sich in dieser Edition überdies konstituierter Brieftext und Editortext zu einem semantisch kontaminierten Gesamttext, was die Validität des edierten Textes infragestellt (die beiden Namen der Kaffeehäuser sind im Brieftext nicht vom Schreibenden hervorgehoben worden, was die Verwendung von Kapitälchen nahelegen könnte) und dessen vorlagengetreue Zitierbarkeit in weiterführenden Arbeiten erschwert.

3. ›Digitales Nutzen‹ vs. ›Intensives Studieren‹: Einige Seitenblicke auf Ergebnisse der empirischen Leseforschung

[6]Viele digitale Editionen lehnen sich, wie oben schon dargelegt, in der Gestaltung ihrer Benutzungsoberflächen nach wie vor eng an die Konventionen des gedruckten Buches an. Damit wird implizit angenommen, dass Betrachtung und Rezeption beider medialer Vermittlungsformen ähnlich verlaufen. Vor dem Hintergrund empirischer Untersuchungen zum Lesen ist diese Prämisse kritisch zu betrachten.‍[15] Studien, welche die medienabhängige Lesegeschwindigkeit und das dabei erreichte Textverständnis in den Blick nehmen, gibt es seit den 1990er Jahren. Sie basieren in der Regel auf Messungen der Blickbewegungen (Eye Movements) und damit der Geschwindigkeit der Textverarbeitung.‍[16] Betrachtet werden Fixationen (Verweildauer der Augen auf einem Wort) und Sakkaden (sprunghafte Augenbewegungen entlang der Wortfolge). Dabei zeigt sich, dass die Aufnahme einer Zeichenkette aus Wörtern nicht linear erfolgt.‍[17] Die eigentliche Informationsaufnahme bzw. das Verstehen der Inhalte geschieht während der Fixationen. Mit zunehmender sprachlicher Komplexität eines Textes steigt zum einen die Fixationsdauer, also die Verweildauer des Blicks auf einem Wort, sowie die Anzahl der Rücksprünge, der sogenannten regressiven Sakkaden. Ältere Studien, die das Lesen am Bildschirm im westlichen Kulturraum untersuchten, bezogen häufig die subjektive Empfindung der Lesenden mit ein und kamen dabei zu dem Ergebnis, dass die Lektüre weniger genau, langsamer oder ermüdender sei. Neuere Studien zeichnen ein differenzierteres, bisweilen in sich widersprüchliches Bild, was exemplarisch an zwei Studien gezeigt werden soll. Dabei liegt die Konzentration besonders auf der Lesegeschwindigkeit. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2021, die mit 31 Proband*innen im Alter zwischen zwanzig und vierzig Jahren durchgeführt wurde, dass ein Text auf dem iPad signifikant langsamer gelesen wird als ein gedruckter Text desselben sprachlichen Komplexitätsgrades.‍[18] In einer älteren Studie von Kretzschmar und Schlesewsky von 2014‍[19], die ebenfalls auf Messungen der Blickbewegung basierte und in der das Alter der Testpersonen berücksichtigt wurde, zeigte sich, dass bei jüngeren Erwachsenen bei unterschiedlichen Medien kaum Unterschiede in der Lesegeschwindigkeit bestanden, anders bei älteren Studienteilnehmer*innen. Sie lasen auf dem Tablet signifikant schneller als auf einer Buchseite, was mit der Hintergrundbeleuchtung und dem dadurch höheren Kontrast zusammenhing. Das subjektive Empfinden jedoch war in beiden Gruppen gleich: Sowohl die älteren als auch die jüngeren Leser*innen bevorzugten die Lektüre der gedruckten Texte.‍[20] Damit sind einige Parameter benannt, die für die Rezeption digitaler Editionen von Bedeutung sind. Hinzu kommen unterschiedliche Lesemodi: Das gedruckte Buch lädt eher zum langsamen, aufmerksamen Studieren (Scholarly Reading), zum fokussierten Lesen und Verstehen komplexer Textinhalte ein. Digitale Texte werden normalerweise häufiger selektiv gelesen, die Inhalte dabei rasch überflogen, um relevante Informationen herauszufiltern.‍[21] Die Begriffe Skimming, ein schnelles Überfliegen des Textes, durch das erste Eindrücke von dessen Inhalten gesammelt werden, und Scanning, ein gezieltes Erfassen von gesuchten Informationen, sind hier zentral. Studien aus der Neurobiologie haben weiterhin gezeigt, dass beim Lesen von haptisch erlebbaren Büchern im Gehirn zusätzlich Areale angesprochen werden, die für das räumliche Denken zuständig sind, weshalb sich Menschen in einem Buch leichter orientieren können, ganz unabhängig davon, ob die Umstände der Rezeption, etwa Zeit und Ruhe, Aufmerksamkeit und Konzentration befördern.

[7]Der Anspruch, alle wesentlichen Faktoren der Leseforschung im vorhergehenden Abschnitt erfasst und in systematischer Weise vorgetragen zu haben, kann angesichts der Größe dieser Forschungsfelder und der Intensität, mit der die derzeit relevanten Fragestellungen in der Neurobiologie, Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologie sowie Linguistik behandelt werden, nicht erhoben werden. Mehr als dafür zu plädieren, diese Forschungsergebnisse neben aktuellen Erfahrungen aus dem aktuellen Webdesign stärker als bisher in die Konzeption von digitalen Editionen und in die Planung der Arbeitsumgebungen und Benutzungsoberflächen einzubeziehen, ist an dieser Stelle nicht möglich. Auch die grundsätzliche Frage, ob Kommentare für das digitale Medium anders zu schreiben sind, kann hier weder theoretisch reflektiert noch unter Hinweis auf eine zu etablierende Best Practice abschließend beantwortet werden. Im Folgenden sollen lediglich einige Anregungen entfaltet werden, wie die Benutzungsoberfläche von historisch-kritischen und kritischen digitalen Ausgaben mit ausführlicher Kommentierung aussehen sollte, damit diese unter den heute gegebenen Bedingungen von derzeit aktiven Nutzer*innen und Leser*innen optimal rezipiert werden kann.

4. Quo vadis Sacherläuterung: Überlegungen zur Konzeption der Benutzungsoberfläche in digitalen Editionen

[8]Die grafische Gestaltung von Text- und Bildelementen auf Benutzungsoberflächen kann – ganz praktisch – das selektive oder selektierende Lesen, das intensive Studieren und Forschen wesentlich befördern oder behindern. Deshalb sollten Fragen der Präsentation von Forschungsergebnissen in digitalen Editionen immer als Teil der Publikationsstrategie begriffen und in der Projektplanung und -finanzierung von Beginn an mitbedacht werden. Augenfällig soll die Relevanz diese Frage zunächst am Beispiel der Hervorhebung von Entitäten illustriert werden: Im Falle von Ludwig von Ficker. Kommentierte Online-Edition[22], hier im Brief von Carl Dallago an den österreichischen Schriftsteller und Verleger Ludwig von Ficker vom 17. Januar 1920, ziehen rot unterlegte Verweise auf Personen, wenn farblich auch überaus dezent realisiert, und violett unterlegte Verweise auf Orte neben den grün unterlegten Hinweisen auf Erläuterungen die Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich und stören meines Erachtens dabei das konzentrierte Aufnehmen des eigentlichen Brieftextes, seines Inhalts und seiner sprachlichen Form.

Abb. 3: Ansicht des Briefes von Carl Dallago an Ludwig von Ficker, 17. Januar 1920. [Aus: Ender et al. (Hg.) 2020; Screenshot: Anja Stehfest 2024]
Abb. 3: Ansicht des Briefes von Carl Dallago an Ludwig von Ficker, 17. Januar 1920. [Aus: Ender et al. (Hg.) 2020; Screenshot: Anja Stehfest 2024]

[9]In überproportional deutlicher Weise lenken sie die Aufmerksamkeit auf sekundäre Metainformationen (vergleichbar mit einem Register), die für das Verstehen und inhaltlich-thematische Erfassen des eigentlichen Briefinhalts nicht notwendig sind. Die Nutzer*innen und Leser*innen sind es nach wie vor gewohnt, Hervorhebung als Ausweis von Bedeutsamkeit zu interpretieren, als Marker für wichtige Informationen in einem Text, so dass beim Überfliegen der Zeilen Markierungen zwangsläufig zunächst als zentrale Inhalte betrachtet werden. Grafismen bestimmen die Gestaltung des Frontend von Der Sturm. Digitale Quellenedition zur Geschichte der internationalen Avantgarde[23]. Unruhig wirkt die Darbietung der schwarz gesetzten edierten Texte – hier ein Beispiel aus den Briefen aus dem Zeitraum von 1914 bis 1922, die Nachricht von Guillaume Apollinaire an Herwarth Walden vom 18. Mai 1914 – durch die Verwendung unterschiedlicher Schriften, Schriftgrößen, Schriftauszeichnung, durch den Einsatz von unterschiedlichen Farben und Symbolen (siehe Abbildung 4). Etablierte Regeln der Textgestaltung, wie sie sich über Jahrhunderte im Buchdruck bewährt haben, wurden, ob bewusst oder unbewusst, nicht beachtet.‍[24] Hinzu kommen intuitiv nur schwer zu erfassende Semantiken von Auszeichnungen: Namen sind (als Hinweise auf Hyperlinks) rot und recte gesetzt (bisweilen zusätzlich noch unterstrichen), Werktitel ebenfalls rot (entweder recte oder kursiv, einmal unterstrichen, einmal nicht). Hinweise auf einen Scan der zugehörigen Textseite (»[Digitalisat]« in roter Schrift) oder weiterführende Informationen (mit aufsteigendem Pfeil, einem »(i)« und farbig, also gleich dreifach und damit redundant, ausgezeichnet) bremsen und stören die Blickbewegungen ebenso massiv wie die direkt in den edierten Text inline eingefügten textgenetischen Varianten oder die hochgestellten Ziffern, die auf die in den Fußnoten wiedergegebenen Erläuterungen verweisen.

[10]In der digitalen Ausgabe Johann Wolfgang von Goethe – Briefwechsel mit Friedrich Wilhelm Riemer[25] hingegen sind die im edierten Text erwähnten Entitäten im XML-TEI-Dokument zwar inline kodiert; in der farblich zurückhaltenden und damit verhältnismäßig reizarmen Darstellung werden Personen und Werke jedoch separat, als alphabetisch sortierte Listen dargeboten (siehe Abbildung 7), verlinkt mit der Forschungsdatenbank so:fie[26] der Klassik Stiftung Weimar.

Abb. 4: Ansicht der Postkarte von Guillaume Apollinaire an Herwarth Walden, 18. Mai 1914. [Aus: Trautmann / Schrade (Hg.) 2019; Screenshot: Anja Stehfest 2024]
Abb. 4: Ansicht der Postkarte von Guillaume Apollinaire an Herwarth Walden, 18. Mai 1914. [Aus: Trautmann / Schrade (Hg.) 2019; Screenshot: Anja Stehfest 2024]

[11]Betrachtet man die heute vorliegenden kommentierten Editionen – interessanterweise gibt es bislang deutlich mehr nativ-digitale Editionen von Korrespondenzen als von Einzel- oder Gesamtwerken – werden Sacherläuterungen wie in der Ansicht mit Lesefassung der Briefe und Texte aus dem intellektuellen Berlin um 1800[27] meist als kritische Annotationen in Fußnoten dargeboten (siehe Abbildung 5). Pop-Up-Boxen als Marginalien, rechts neben dem Lesetext, wie in Aloys Hirt: Briefwechsel und Amtliche Schriften[28] ermöglichen die parallele Lektüre der farbig hinterlegten Textstelle und der zugehörigen Einzelerläuterung (siehe Abbildung 6). Ähnlich verfahren auch edition humboldt digital[29] sowie MEGAdigital.‍[30] In der Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe (WeGA)‍[31] ist dies nicht möglich; hier legt sich die Box mit der Sacherläuterung über die mit einem Asterisk markierte Textstelle, was bei kurzen Annotationen kein Problem ist. Signifikant und für traditionelle Editionsphilolog*innen überraschend sind die in aller Regel nicht durch interne Links miteinander vernetzten Einzelstellenerläuterungen. Dies gilt sowohl für diejenigen Erläuterungen, die sich auf den edierten Text beziehen, als auch für diejenigen Erläuterungen, die Bezüge zu anderen Texten der Edition oder zu anderen Sacherläuterungen aufweisen. Folge dieser eindimensionalen Kommentierungspraxis sind redundante Wiederholungen von Informationen an mehreren Stellen. Kein Gebrauch wird häufig auch von der seit Langem eingeführten Möglichkeit gemacht, von Einzelstellenerläuterungen auf Überblickskommentare zu verweisen und umgekehrt, also auf Stellen, an denen zentrale Informationen gebündelt abgelegt werden können, auf die textkritischen Apparate oder auf Paratexte einer Ausgabe. Dabei bringt sich der Kommentar um die Möglichkeit, das zu edierende Material in all seiner Komplexität und in größeren Zusammenhängen zu erläutern, erst auf den zweiten Blick erkennbare Zusammenhänge aufzuzeigen und Kontinuitäten bzw. Diskontinuitäten festzuhalten, die Editor*innen in ihrer eingehenden, bei historisch-kritischen Editionen oft über Jahrzehnte verfolgten wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Gegenstand gesammelt haben. Diese Informationen sind meist von besonders hohem Wert. Dabei sollte sich Nutzende und Leser*innen nicht in einem ›Dschungel‹ von Verweisangeboten verlieren oder, von mehreren Hyperlinks ›verführt‹, sich nicht mehr orientieren können, wo man sich gerade befindet. Sind die zur Qualifizierung verwendeten diakritischen Zeichen sprechend angelegt, können sich Nutzende wirklich entscheiden, ob sich für sie der ›Sprung‹ zur Erläuterung oder dem angebotenen Verweis lohnt. Die Franz & Franziska Jägerstätter Edition[32] praktiziert dies bereits, in dem sie Kommentare durch Icons kennzeichnet, die durch Überstreichen mit dem Cursor Auskunft darüber geben, ob sich dahinter eine sprachliche Erläuterung, ein Sammlungshinweis, eine biografische Notiz, ein Verweis oder eine Erläuterung befindet. Die Präsentation von Einzelstellenerläuterungen in Pop-Up-Boxen, die erst geschlossen werden müssen, bevor die nächste geöffnet werden kann, verhindert hingegen, dass sämtliche Sacherläuterungen zu einem Zeugnis, einer Sammlung oder einem Werk im Zusammenhang, fortlaufend rezipiert werden können. Lesefreundlicher sind deshalb die fortlaufende Präsentation von ediertem Text und Kommentar in getrennten Bereichen, zum Beispiel in verschiedenen Unterseiten oder Spalten wie in der im Frühjahr 2024 erschienenen Ausgabe C. F. Meyer: Digitale Briefedition (dMBW)‍[33], in der Maßstäbe setzenden Edition Arthur Schnitzler digital (ASd)‍[34] oder der kommentierten historisch-kritischen Korrespondenzausgabe Johann Wolfgang Goethe. Briefwechsel mit Friedrich Wilhelm Riemer[35] (siehe Abbildung 7). Dies erlaubt Nutzenden und Leser*innen neben einer punktuell-vereinzelten auch die fortlaufende Rezeption des Sachkommentars, Editor*innen die informationslogisch geschickte Verteilung relevanter Informationen auf mehrere Einzelstellenerläuterungen und dabei das jeweilige Anbieten von stellenspezifischen Erläuterungen.

Abb. 5: Ansicht des Briefes von August Boeckh an Karl August Varnhagen von Ense, 7. Juni 1836. [Aus: Baillot (Hg.) 2017; Screenshot / grafische Annotation: Anja Stehfest 2024]
Abb. 5: Ansicht des Briefes von August Boeckh an Karl August Varnhagen von Ense, 7. Juni 1836. [Aus: Baillot (Hg.) 2017; Screenshot / grafische Annotation: Anja Stehfest 2024]
Abb. 6: Ansicht des Briefes von Aloys Hirt an Goethe, 4. April 1789. [Aus:  Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hg.) 2021; Screenshot / grafische Annotation: Anja Stehfest 2024]
Abb. 6: Ansicht des Briefes von Aloys Hirt an Goethe, 4. April 1789. [Aus: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hg.) 2021; Screenshot / grafische Annotation: Anja Stehfest 2024]
Abb. 7: Ansicht der Erläuterungen zu Goethes Brief an Friedrich Wilhelm Riemer, 7. April 1804. [Aus: Canal / Eckle (Hg.) 2022; Screenshot / grafische Annotation: Anja Stehfest 2024]
Abb. 7: Ansicht der Erläuterungen zu Goethes Brief an Friedrich Wilhelm Riemer, 7. April 1804. [Aus: Canal / Eckle (Hg.) 2022; Screenshot / grafische Annotation: Anja Stehfest 2024]

[12]Aus dem bislang Gesagten ergeben sich folgende Vorschläge für die Gestaltung von Benutzungsoberflächen bei digitalen Ausgaben mit ausführlicherer Sachkommentierung:

  1. Gezielt eingesetzte typografische Mittel bei der Textdarbietung, klare Gliederung in übersichtlichen Teilen ermöglichen schnelle Orientierung, Hervorhebungen lenken den Blick von Nutzenden und Leser*innen und fördern damit selektives Lesen, das rasche Erfassen von besonders wichtigen Passagen der Kommentierung. Wird bewährtes typografisches Wissen um die optimale Schriftwahl und Schriftgröße sowie Zeilenlänge angewendet, erleichtert dies die Rezeption nach wie vor ungemein.
  2. Eine möglichst reizarme Präsentation mit wenigen diakritischen Zeichen, Icons und farbigen Auszeichnungen begünstigt das intensive, konzentrierte Lesen und damit das tiefe Verstehen des Textes. Eine zukunftsfähige Lösung könnte hier das geschichtswissenschaftliche Projekt Chronik Aldersbach. Digitale Edition des Klosters Aldersbach[36] entwickelt haben: Nutzer*innen können in einer Checkbox selbst auswählen, welche Informationen und damit diakritischen Zeichen bzw. grafischen Auszeichnungen im edierten Text sie wünschen.
  3. Stärker als im gedruckten Buch können im digitalen Kommentar audiovisuelle Mittel zum Einsatz kommen (Multimedialität). Damit sind nicht nur Reproduktionen von Werken der Bildenden Kunst oder Aufnahmen von Musikwerken gemeint, sondern auch visuelle Umsetzungen von Erläuterungen in Form von Grafiken, Schemata, Diagrammen, Listen oder Tabellen mit den darin strukturiert dargebotenen Inhalten.
  4. Strukturieren lassen sich auch Fließtexte durch die Verwendung von Zwischenüberschriften, kürzeren Texteinheiten mit überschaubaren Absätzen, die rasch aufzunehmen und zu verstehen sind, und die Hervorhebung von zentralen Begriffen im Text, die die Inhalte chronologisch und thematisch gliedern. Sie erleichtern Scanning und Skimming und helfen Nutzenden, sich effizienter und effektiver im Text zu orientieren.
  5. Daneben gilt es im Blick zu behalten, wie sich die Darbietung der Erläuterungen produktionsseitig unmittelbar auf deren Inhalte und Struktur auswirkt. Beim Schreiben eines Kommentars verfolgen Editor*innen eine Strategie, sie ordnen ihr Material und verteilen die Informationen. Ein effizientes und intuitiv verständliches Verweissystem ist für das Verständnis erforderlich. Kaskadenartige Anordnung der Information, vom Besonderen zum Allgemeinen, lässt Leser*innen die Wahl, ob sie sich mit dem ersten erläuternden Abschnitt zufrieden geben wollen, der alle relevanten Informationen zum Verständnis der Textstelle enthalten muss, oder ob sie noch weiterführenden Informationen zu dieser Stelle in ihrem jeweiligen Kontext erhalten möchten. Interaktiv und dynamisch erweiterbare Sacherläuterungsteile könnten sich an die verschiedenen Gruppen von Nutzer*innen einer digitalen Ausgabe wenden. Sie stellen die Vernetzbarkeit der digitalen Edition mit anderen Ressourcen sicher. Hierüber bieten sich Möglichkeiten, den Kommentar zu erweitern und ggf. mit Informationen für andere Gruppen von Leser*innen anzureichern.

5. Fazit und Ausblick: Aufgaben für die Zukunft

[13]Der Weg zu einer lesefreundlichen Benutzungsoberfläche, auf der sich auch komplexere Sacherläuterungen leicht rezipieren lassen, ist weiter zu gehen. Will man die bisherigen philologischen Standards der neugermanistischen Edition auch in Zukunft erhalten, sind in nächster Zeit noch weitere Anstrengungen notwendig. Zu fragen ist hier, ob man die Sacherläuterungen, Überblicks- und Einzelstellenkommentare sowie Paratexte vor dem Hintergrund der neuen digitalen Präsentations- und Rezeptionsformen anders schreiben und wiedergeben sollte und, falls ja, wie hier die neuen Formen aussehen könnten. Die hybride Darbietung, in der ausführliche Erläuterungen nach wie vor eher im gedruckten Teil einer Edition gelesen werden sollten, kann auf Dauer nicht die beste Wahl bleiben. Langzeitforschungsvorhaben, insbesondere den durch das Akademienprogramm geförderten historisch-kritischen Editionen, kommt hier die wichtige Aufgabe zu, zukunftsweisende Vorschläge vorzulegen und mit einer breiten Auswahl an Nutzer*innen und Leser*innen zu diskutieren, um auch deren Bedürfnissen zu entsprechen.


Fußnoten


Bibliografische Angaben

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Abbildungsverzeichnis