Digitale Editionen von Goethes Werken seit 1998. Bilanz und Perspektiven in Zeiten Generativer KI

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Gerrit Brüning Autor*inneninformationen

DOI: 10.17175/sb007_002

Nachweis im OPAC der Herzog August Bibliothek: 194274322X

Erstveröffentlichung: 30.12.2025

Lizenz: CC BY-SA 4.0, sofern nicht anders angegeben. Creative Commons Deed

Letzte Überprüfung aller Verweise: 19.11.2024

GND-Verschlagwortung: Digitale Edition | Johann Wolfgang von Goethe | Künstliche Intelligenz | Germanistik

Empfohlene Zitierweise: Gerrit Brüning: Digitale Editionen von Goethes Werken seit 1998. Bilanz und Perspektiven in Zeiten Generativer KI. In: Daniela Schulz / Marcus Baumgarten / Torsten Schaßan (Hg.): Digitales Edieren gestern, heute und morgen (= Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften / Sonderbände, 7). Wolfenbüttel 2025. 30.12.2025. HTML / XML / PDF. DOI: 10.17175/sb007_002


Abstract

Ausgehend von der epochemachenden Hybridedition Der junge Goethe in seiner Zeit (1998) zeichnet der Beitrag die Entwicklung digitaler Editionen von Goethes Werken nach. Die Faustedition (2008) und der digitale Junge Goethe erweisen sich nicht nur medial, sondern auch hinsichtlich der Ausgangslage und programmatischen Motivierung als grundverschieden. Mit dem seit 2022 laufenden Pilotvorhaben zu Goethes Lyrik ist die Chance verbunden, Lehren aus beiden Vorläuferprojekten zu ziehen. Das Umfeld künftiger Projekte ist von vielfältigen Dynamiken geprägt, vor allem den Entwicklungen auf dem Feld Generativer KI. In einem Ausblick formuliert der Beitrag grundsätzliche Überlegungen zu den damit verbundenen Chancen und Herausforderungen.


Starting from the groundbreaking hybrid edition Der junge Goethe in seiner Zeit (The Young Goethe in his Time, 1998), the article traces the development of digital editions of Goethe’s works. The Faustedition (2008) and the digital Junge Goethe differ significantly not only in their media but also in their initial conditions and programmatic motivation. A pilot project on Goethe’s poetry, launched in 2022, presents an opportunity to draw lessons from both preceding projects. Future projects will face diverse dynamics, particularly in the field of Generative AI. The article concludes with fundamental considerations on the opportunities and challenges associated with these developments.


1. Ausgangssituation

[1]Vor mehr als einem Vierteljahrhundert erschien die erste nativ digitale Edition von Werken Goethes: Der junge Goethe in seiner Zeit[1]. Im historischen Rückblick ist diese Edition als sensationeller medialer Durchbruch gefeiert worden:

»Methodik und Gegenstandswahl der Editionsphilologie haben erhebliche Differenzierungen erfahren, […]. Und dies nicht unwesentlich unter dem Einfluss, den der Einzug der Errungenschaften der digitalen Datenverarbeitung in die Editionsphilologie ausgeübt hat und weiterhin ausübt, sowohl bei der Herstellung als auch inzwischen immer häufiger gerade bei der Publikation von Editionen, wie sie im Bereich der Goethe-Philologie 1998 mit dem spektakulären Fanfarenstoß der von Karl Eibl, Fotis Jannidis und Marianne Willems veranstalteten Hybridedition Der junge Goethe in die kommunikationstechnologische Gegenwart katapultiert worden ist.«‍[2]

[2]Als diese Worte fielen (2010), hatte das von Anne Bohnenkamp, Silke Henke und Fotis Jannidis geleitete Projekt einer digitalen genetischen Edition von Goethes Faust gerade seine Arbeit aufgenommen.‍[3] Die 2018 vorläufig abgeschlossene Faustedition[4] wiederum war in ihrer ursprünglichen Konzeption als innovatives Projekt mit Modellcharakter für digitale Editionen weiterer Werke Goethes angelegt. Nach umfassenden Vorarbeiten hat 2022 das Pilotprojekt Goethe LYRIK begonnen. Ein Ende der digitalen Editionstätigkeit auf dem Feld von Goethes Werken ist also nicht abzusehen. Ebenso wenig hat jedoch bislang eine Konsolidierung in Form von längerfristig etablierten Projektstrukturen oder methodischen Festlegungen stattgefunden.‍[5] Auch das Umfeld, in dem das digitale Edieren von Werken Goethes stattfindet, ist gegenwärtig von großer Dynamik geprägt. Welche Erkenntnisse und Lehren lassen sich in der gegenwärtigen Schwellensituation aus den Vorläuferprojekten ziehen?

2. Texte und Kontexte: ›Der junge Goethe in seiner Zeit‹ (1998)

[3]Bestehend aus einer Buch- und einer CD-ROM-Komponente ist Der junge Goethe in seiner Zeit von 1998 eine Hybridedition. Zugleich lebt in ihr eine reine Buchedition fort: Die von Goethe herrührenden Texte stammen zum größten Teil aus der bis heute maßgeblichen Ausgabe Der junge Goethe, 1963–1974 in fünf großformatigen Bänden herausgegeben von Hanna Fischer-Lamberg.‍[6] Mit der zweibändigen Buchkomponente steht eine handliche Printfassung der Werke sowie eine überschaubare Auswahl aus den Briefen, Tagebüchern und juristischen Schriften für die herkömmliche (analoge) Lektüre zur Verfügung.‍[7] Neben den Texten enthält die Buchkomponente auch Überblickskommentare, Stellenerläuterungen, ein Namenglossar, eine Chronik und eine thematisch gegliederte Bibliografie. Demgegenüber macht die elektronische Komponente das Korpus vollständig, d. h. ohne einschränkende Auswahl, zugänglich und integriert darüber hinaus eine Vielfalt von Ressourcen als »Kontexte« (vgl. Abbildung 1). Dazu gehören u. a. abweichende Fassungen der Texte, Quellen und Bezugstexte, autobiografische Berichte sowie Briefe, Berichte und Äußerungen Dritter, Rezensionen und andere Zeugnisse der Rezeption.‍[8] Hinzu kommen Materialien des allgemeineren ideengeschichtlichen Horizonts auch jenseits unmittelbarer intertextueller Bezüge, darunter die Bibel und Hederichs Mythologisches Lexikon (»Semantische Vorräte«), und wissenschaftliche »Erschließungshilfen«, wie sie auch die Buchkomponente enthält (Kommentare und Verzeichnisse, s. o.). Den Angaben zufolge übersteigt das Materialvolumen der elektronischen das der Buchkomponente um das Siebenfache.

Abb. 1: Startbildschirm der CD-ROM-Anwendung Der junge Goethe in seiner Zeit. Rote Farbe weist auf Sprungverknüpfungen hin. [Aus: Eibl et al. 1998, Folie 5]
Abb. 1: Startbildschirm der CD-ROM-Anwendung Der junge Goethe in seiner Zeit. Rote Farbe weist auf Sprungverknüpfungen hin. [Aus: Eibl et al. 1998, Folie 5]

[4]Die zusammen mit der Buchkomponente ausgelieferte CD-ROM enthält die Anwendung Folio Views für damalige Versionen des Betriebssystems Windows, die mit neueren und heutigen Versionen nicht kompatibel ist. Damit hat die elektronische Komponente aufgehört, mit gewöhnlichen Mitteln benutzbar zu sein. Hauptsächliches Mittel der Navigation waren klickbare Sprungverknüpfungen (Anzahl: 14.000, vergleichbar mit Weblinks), die beispielsweise zu abweichenden Fassungen, Entstehungszeugnissen, Quellen- und Bezugstexten oder Biogrammen führten. Lokale Annotationen kleineren Umfangs waren als Popups realisiert (Anzahl: 3.500, vergleichbar mit heutigen Tooltips). Besonders reich ausgebaut war die Suche, die mit logischen Operatoren und Platzhaltern versehen, auf Teile des Datenbaums eingegrenzt und auf Wortfolgen festlegbaren Umfangs bezogen werden konnte (vgl. Abbildung 2).‍[9] Dank stabiler numerischer Identifier waren auch einzelne Stellen der Edition zitierbar. Zur wissenschaftlichen Arbeit mit dem Korpus konnten Notizen und Markierungen sowie zur freien Weiterarbeit editierbare Kopien der ganzen Applikation angelegt werden. Die Applikation ermöglichte zudem den Export von ausgewählten Teilen in heute noch übliche Formate (txt, doc, rtf) sowie das Ausdrucken.

Abb. 2: Suchmaske der CD ROM-Anwendung Der junge Goethe in seiner Zeit. Das Popup zeigt links einen Wortindex, im Eingabefeld den Suchstring »kran*k* z* Tod*« mit Platzhaltern, rechts die Vorgabe der Länge der Syntagmen, innerhalb derer das Suchmuster erfüllt sein muss (10 Wörter) und in der Mitte eine Trefferstatistik mit Aufschlüsselung auf Teilstrings. [Aus: Eibl et al. 1998, Folie 35]
Abb. 2: Suchmaske der CD ROM-Anwendung Der junge Goethe in seiner Zeit. Das Popup zeigt links einen Wortindex, im Eingabefeld den Suchstring »kran*k* z* Tod*« mit Platzhaltern, rechts die Vorgabe der Länge der Syntagmen, innerhalb derer das Suchmuster erfüllt sein muss (10 Wörter) und in der Mitte eine Trefferstatistik mit Aufschlüsselung auf Teilstrings. [Aus: Eibl et al. 1998, Folie 35]

[5]Die beschriebenen Funktionen ergaben sich aus der zugrundeliegenden proprietären Software Folio Views und waren insofern nicht einzigartig.‍[10] Deren Einsatz war gleichwohl richtungsweisend: Auch die im Jahr 2008 nach langen Vorarbeiten und Zwischenstufen (darunter eine CD-ROM-Publikation von 1992) erschienene Klagenfurter Musil-Ausgabe basierte auf dieser Technologie; Marianne Willems war an der ersten Publikation beteiligt, Karl Eibl an beiden.‍[11] Bei Erscheinen der Musil-Edition auf DVD-ROM wies der Herausgeber Walter Fanta mit Nachdruck auf den

»enormen Vorteil dieser Hypertext- und Multimedia-Software [Folio Views] als heuristisches Instrument bei der Manuskriptklassifizierung und textgenetischen Erschließung hin. Für die Erarbeitung der Lesetexte, die textgenetische Kommentierung und die hypertextuelle Erschließung der oben angeführten Relationen das gesamte Textkorpus in einer einzigen Datei komfortabel automatisch abfragbar zur Verfügung zu haben, erwies sich als enormer Vorteil, der mit kaum einer anderen Software-Lösung vorstellbar ist.«‍[12]

[6]Doch war zu diesem Zeitpunkt die »Ablösung der CD-ROM durch das Internet als Distributionsmedium […] schon im Gange«,‍[13] so dass die Weiterentwicklung der Edition in Richtung einer Online-Edition bei deren DVD-Erstveröffentlichung als Aufgabenstellung bereits formuliert wurde.‍[14] Auch von Der junge Goethe in seiner Zeit hat es eine Online-Version gegeben, die jedoch wieder offline gehen musste.‍[15] Überdauert hat eine TEI Lite-Version der Daten, die mit der CD-ROM von 1998 ausgeliefert wurde (damals SGML gemäß TEI P3) und mittlerweile nach XML gemäß TEI P5 konvertiert worden ist.‍[16] Damit liegt eine mit heutiger Software verarbeitbare Vorstufe einer möglichen erneuten Online-Bereitstellung vor.

3. Modellversuch zur Erneuerung der Abteilung der Weimarer Ausgabe: die ›Faustedition‹ (2018)

[7]Der junge Goethe in seiner Zeit war darauf angelegt, ein editorisch im Kern bereits erschlossenes Korpus informativ anzureichern und für die Nutzung medial innovativ aufzubereiten. Dabei stand eine umfassende Kontextualisierung im Zentrum des Interesses, wie schon der erweiterte Titel der Ausgabe verdeutlicht, in sichtbarer Unterscheidung von den Vorläufern, die seit 1875 stets unter dem Titel Der junge Goethe erschienen waren.‍[17] Zugleich führt der digitale Junge Goethe die Beschränkungen dieser spezifischen editorischen Tradition gegenüber den wissenschaftlichen Gesamtausgaben seit der Weimarer Ausgabe (1887–1919) fort. Diese durch eine auf den seither gewonnenen textphilologischen Erkenntnissen beruhende neue wissenschaftliche Ausgabe zu ersetzen, ist ein seit langem bestehendes Desiderat.‍[18] Für die naturwissenschaftlichen Schriften ist dieses Desiderat bereits eingelöst (Leopoldina-Ausgabe). Die Erneuerung der Tagebuch- und Brief-Abteilung sowie die Ergänzung um die Briefe an Goethe sowie weitere biografische Zeugnisse soll 2039 zum Abschluss kommen.‍[19] Demgegenüber befindet sich die Edition der literarischen Werke nach wie vor im Stadium der Pilotierung.

[8]Vor diesem Hintergrund war die 2009 begonnene historisch-kritische Edition des Faust mit dem Anspruch verbunden, »eine Modelledition zu erstellen, die auch einer künftigen Erneuerung der ersten Abteilung der Weimarer Ausgabe als Anregung dienen kann.«‍[20] Das Vorhaben war dabei von der doppelten Zielsetzung geprägt: Zum einen sollte die Edition den durch gedruckte Editionen gesetzten editionsphilologischen Standards entsprechen, zum anderen sollte sie an die aktuellen Entwicklungen auf dem Feld elektronischer (oder synonym: digitaler) Editionen anschließen.‍[21] Hieraus folgte, sowohl die gesamte umfangreiche gedruckte und handschriftliche Überlieferung von Grund auf neu zu bearbeiten und diese in einer Exaktheit und Differenziertheit wiederzugeben, die bis dato nur in anspruchsvollsten gedruckten Editionen erreicht worden war (vgl. Abbildung 3), als auch die qualitativ neuen Möglichkeiten des digitalen Mediums auszuloten.‍[22]

Abb. 3: Dokumentarische Ansicht der Faustedition. [Aus: Bohnenkamp et al. (Hg.) 2023, 2 III H. 71, S. 2]
Abb. 3: Dokumentarische Ansicht der Faustedition. [Aus: Bohnenkamp et al. (Hg.) 2023, 2 III H. 71, S. 2]

[9]Wie Der junge Goethe in seiner Zeit ist die Faustedition als Hybridedition konzipiert und umgesetzt, im Kern jedoch digital;‍[23] gedruckt erschienen mit dem neu konstituierten Werktext und dem Faksimile der Gesamthandschrift des Faust II lediglich besonders zentrale oder exemplarische Inhalte. Die digitale Konzeption war in ihrem Ursprung insbesondere darauf ausgelegt, die komplexen Handschriften einerseits möglichst befundgetreu und andererseits der Textualität und Variantenentwicklung entsprechend wiederzugeben. Da der erste Teil der Aufgabe im Rahmen einer konventionellen TEI-Kodierung nicht befriedigend zu leisten war, trugen Projektbeteiligte im Rahmen der Workgroup on Genetic Editions zur Entwicklung eines genetischen und dokumentarischen Markups bei, das 2011 zu wesentlichen Teilen in TEI P5 Version 2 integriert wurde.‍[24] Und da die dokumentarische Perspektive sich in ein und derselben Kodierung nicht mit der textuellen zur Deckung bringen ließ, ging die Edition den Weg einer zweifachen Kodierung.‍[25] Beide Kodierungen dienen auf ihre Weise der Repräsentation der Überlieferung. Auf die Konzeption und Umsetzung der Kodierung sowie auf deren Visualisierung im Rahmen der seit 2016 publizierten Versionen der Edition entfiel ein großer Teil der Projektarbeit. Die genetische Relationierung des edierten Materials beruht auf einem eigens entwickelten Graphmodell, das erst zweieinhalb Jahre später mit der Version 1.0 im Jahr 2018 integriert werden konnte.‍[26] Dem Graphmodell verdankt sich die chronologische Sortierung sowohl der Variantendarstellung als auch innerhalb der genetischen Visualisierungen. Der philologische Forschungsstand, auf der die jeweils angezeigte Sortierung beruht, kann in Form von mehr oder weniger komplexen Teilgraphen nachvollzogen werden (vgl. Abbildung 4 und Abbildung 5).‍[27]

Abb. 4: Zeilensynopse des Bereichs »Text« der Faustedition mit chronologisch geordneten Varianten zu Vers 9899. Der zugrundeliegende Teilgraph (Abb. 5) ist über den Link »Makrogenese-Lab« aufrufbar. [Aus: Bohnenkamp et al. (Hg.) 2023, Faust. Eine Tragödie. Konstituierter Text. Bearbeitet von Gerrit Brüning und Dietmar Pravida].
Abb. 4: Zeilensynopse des Bereichs »Text« der Faustedition mit chronologisch geordneten Varianten zu Vers 9899. Der zugrundeliegende Teilgraph (Abb. 5) ist über den Link »Makrogenese-Lab« aufrufbar. [Aus: Bohnenkamp et al. (Hg.) 2023, Faust. Eine Tragödie. Konstituierter Text. Bearbeitet von Gerrit Brüning und Dietmar Pravida].
Abb. 5: Makrogenetischer Teilgraph, ausgehend von der Handschrift 2 III H. 71 mit Visualisierung der in der bisherigen Forschung vertretenen Annahmen zur absoluten und relativen Chronologie. [Aus: Bohnenkamp et al. (Hg.) 2023, 2 III H. 71, Teilgraph]
Abb. 5: Makrogenetischer Teilgraph, ausgehend von der Handschrift 2 III H. 71 mit Visualisierung der in der bisherigen Forschung vertretenen Annahmen zur absoluten und relativen Chronologie. [Aus: Bohnenkamp et al. (Hg.) 2023, 2 III H. 71, Teilgraph]

[10]Die Stärken digitaler gegenüber gedruckten Editionen, wie etwa die maschinelle Durchsuchbarkeit, die Hypertextstruktur oder die Möglichkeit, Faksimiles und Texte in praktisch unbegrenztem Umfang zur Verfügung zu stellen und zu verknüpfen, lagen bereits vor Projektbeginn auf der Hand.‍[28] Im Fokus des Projekts standen daher weniger die Punkte, in denen digitale Editionen den gedruckten notorisch überlegen sind, als vielmehr diejenigen, an denen digitale Editionen der damaligen Zeit es den gedruckten historisch-kritischen oder genetischen Editionen noch nicht gleichtaten. Dies betraf (in herkömmlichem Vokabular ausgedrückt) die dokumentarische Wiedergabe handschriftlicher Befunde, die von diesen ausgehende genetische Darstellung sowie den textkritischen Apparat. In diesen Bereichen fehlte es sowohl an Konzepten als auch an Umsetzungen, was in einigen Aspekten bis heute gilt.‍[29] Mit dem dokumentarischen und textuellen Markup, den diplomatischen Umschriften, den verschiedenen Formen der Variantendarstellung (eingeblendet oder zeilensynoptisch), der Graphmodellierung und -visualisierung sowie ihren weiteren Darstellungsformen stellt sich die Faustedition auf verschiedenen Ebenen der Frage, wie historisch-kritische Editionen im digitalen Medium realisiert werden können. Keine der gefundenen Antworten verstand sich zu irgendeinem Zeitpunkt als definitiv, und zu den Kehrseiten des innovativen Charakters des Projekts gehörten die damit einhergehenden Risiken.‍[30]

4. Texte, Kontexte, Standards: der digitale ›Junge Goethe‹ und die ›Faustedition‹ vor dem Hintergrund künftiger Aufgaben

[11]Die Editionsphilologie steht vielfältigen Herausforderungen gegenüber: Nach dem Medienwandel zur digitalen Editorik hat sie deren kontinuierliche Weiterentwicklung als Teil des digitalen Umfelds methodisch zu reflektieren und praktisch zu gestalten. Dazu gehört insbesondere, die Möglichkeiten der Präsentation editorischer Inhalte im digitalen Medium optimal, und das heißt auch: möglichst nachhaltig, auszuschöpfen (Präsentationsschicht). Zusätzlich hat sie ihre Arbeitsergebnisse als Forschungsdaten für verschiedene Weiterverwendungen zugänglich und nutzbar zu machen (Daten- und Bereitstellungsschicht).‍[31] Auf beiden Ebenen sind digitale Editionen dem fortwährenden Wandel technischer Standards so stark ausgesetzt, dass deren Entwicklung mindestens ebenso sehr in Abhängigkeit von allgemeinen technologischen wie von innerdisziplinären Trends zu beschreiben ist.‍[32] Zugleich bleiben digitale Editionen hergebrachten fachlichen und editionsmethodischen Ansprüchen verpflichtet. Medienübergreifend betrachtet ließe sich digitales Edieren von den editorischen Praktiken im Rahmen des gedruckten Buchs daher nur um den Preis von methodischen Rückschritten entkoppeln. Im Fall Goethes insbesondere (aber nicht nur dort) steht die digitale Editorik in einer weit zurückreichenden Tradition, deren Entwicklung sich ebenfalls an entscheidenden Punkten als Innovationsgeschichte beschreiben lässt: Ein Teil des konzeptuellen Kanons der editionswissenschaftlichen Methodendiskussion seit 1971 (namentlich der Autorisationsbegriff) reagierte speziell auf Probleme der Goethe-Edition und hat seinerseits Probleme hinterlassen, denen auch digitale Editionen noch gegenüberstehen.‍[33]

[12]Vor diesem gemeinsamen Hintergrund lassen sich Der junge Goethe in seiner Zeit und die Faustedition kontrastiv als modellhafte Vertreter unterschiedlich gerichteter Grundtendenzen und -möglichkeiten digitalen Edierens auffassen. Schon die wissenschaftliche Ausgangs- und Motivationslage war grundverschieden: Der digitale Junge Goethe ging von einem Textkorpus aus, das durch Vorgängereditionen schon »weitgehend gesichert« war und daher nicht neu erarbeitet werden musste.‍[34] Die Edition sollte dieses Korpus im Wesentlichen maschinell durchsuchbar und als hypertextuell organisierte »Wissensrepräsentation« benutzbar machen.‍[35] Das schließt Informationen zur Überlieferung in Anschluss an die Vorläufereditionen, teils auch Wiedergaben abweichender Fassungen ein, beruht aber nicht auf durchgehender eigenständiger Textkritik. Im Gegensatz dazu reagierte die Faustedition auf eine Editionslage, die trotz bahnbrechender Leistungen auf diesem Gebiet als unzureichend galt.‍[36] Der umfangsmäßig größte Teil der Edition entfällt daher auf die von den Originalen ausgehende, vollständige und mehrperspektivische Repräsentation der Überlieferung. Der für die Navigation zentrale Bereich »Text« ist als mit textkritischen Verfahren hergestellt (›konstituiert‹) ausgewiesen.

[13]Auch die Faustedition verfügt über eine Wissensrepräsentation. Und anders als beim Jungen Goethe ist die semantische Spezifizierung der repräsentierten Zusammenhänge sogar maschinenlesbar ausgedrückt, nicht in natürlicher Sprache.‍[37] Inhaltlich beschränkt sie sich jedoch auf die Relationierung der in der Edition wiedergegebenen Textzeugen. Die ästhetisch, stofflich, literaturgeschichtlich etc. orientierte Kommentartradition zum Faust seit dem 19. Jahrhundert ins digitale Medium zu transferieren, gehörte nicht zu den Zielen des Projekts.‍[38] Aus der Konzentration auf die Überlieferung ergibt sich ein im Vergleich zum Jungen Goethe semantisch engerer Fokus. Er liegt auf einem Bereich, der den meisten Nutzenden, auch solchen mit fachlichen Vorkenntnissen, zunächst weniger vertraut ist als die im digitalen Jungen Goethe erschlossenen Kontexte, die zu allgemein bekannten ästhetischen, historischen und ideengeschichtlichen Sachbegriffen sowie Namen von Personen, Werken, Orten usw. hinführen.

[14]Die zwischen beiden Editionen bestehende Kluft liegt daher nicht in den unterschiedlichen Präsentationsmedien begründet. Eine primär auf die Überlieferung bezogene Edition hätte sich in der damaligen Zeit ebenso auf einem festen Speichermedium und mit einer proprietären Anwendung wie Folio Views realisieren lassen.‍[39] Und umgekehrt ist eine Website mindestens ebenso gut dazu geeignet, nach Art des digitalen Jungen Goethe ein bestehendes oder neu erarbeitetes Korpus um Kontexte anzureichern. Auch hinsichtlich der jeweiligen Ausgangslage unterscheiden sich beide Projekte nur relativ: Der junge Goethe von Hanna Fischer-Lamberg bleibt hinter den Ansprüchen an eine historisch-kritische Ausgabe zurück, und die Editionslage beim Faust war zwar anerkanntermaßen unbefriedigend, aber nicht desolat. Nimmt man die grundlegenden Charakteristika beider Editionen in den Blick, so bieten beide gleichermaßen konzeptionelle Anschlussmöglichkeiten für künftige Vorhaben auf diesem Gebiet. Dies gilt zunächst für den programmatischen Ehrgeiz beider Editionen (ohne Paradigma-Anspruch)‍[40] sowie den innovativen Charakter, jeweils mit Anschluss an bestehende Standards.‍[41] Es gilt aber auch für die konträren Fokussierungen beider Editionen: Künftigen Projekten bietet sich die Chance, den Fokus auf das Material mit dem Fokus auf weitergehende Kontexte zum Ausgleich zu bringen.

5. Perspektiven der digitalen Editorik und die Rolle angewandter Generativer KI: Ausblick

[15]Gegenstand eines Folgevorhabens ist Goethes lyrisches Œuvre, zu dem seit 2022 ein Pilotprojekt am Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar, läuft. Es beruht auf umfassenden Vorarbeiten in Form der Inventare des Archivbestands, ergänzt um ein Gesamtinventar aller weltweit nachweisbaren Handschriften Goethescher Gedichte sowie weiteren Forschungen.‍[42] Im Rahmen der Pilotphase entsteht die Konzeption und Planung für ein umfassendes Vorhaben zu Goethes Lyrik, das u. a. zwei zentrale Ziele verfolgt: Nutzende (verstanden als Mehrzahl diverser Gruppen) sollen sich zum einen der Texte anhand der vollständig wiedergegebenen Überlieferung umfassend vergewissern und zum anderen das verfügbare Wissen über Texte und Kontexte digital erschließen können. Zentrale Charakteristika der beiden digitalen Vorläuferprojekte leben in der skizzierten doppelten Zielsetzung erkennbar fort. Um diese zu verfolgen, gilt es zwei zentrale Komponenten der Faustedition weiterzuentwickeln:

[16]1. Das programmatisch vertretene Konzept des multiple encoding separat angelegter dokumentarischer und textueller Transkripte‍[43] mündete in Probleme, die sich im Rahmen des Faust-Projekts nicht lösen ließen. Auf der grafischen Oberfläche treten diese Probleme bei genauerem Hinsehen im diplomatischen Design zutage, das über weite Strecken eine konsequent zeichen- und positionsgetreue Wiedergabe mit interaktiv aufrufbaren Metadaten und Verknüpfungen zum digitalen Faksimile bietet, um kleine Lücken und Unvollkommenheiten aber nie ganz bereinigt werden konnte. Der in Kodierung und Visualisierung geflossene Aufwand war dabei größer, als es für die Gesamtmasse von Goethes Werken zu vertreten sein wird. Zudem wurde die avisierte Korrelation der beiden Transkripte‍[44] letztlich nicht realisiert. Die im Projekt gesammelten Erfahrungen haben die methodische Validität und Anwendbarkeit der konzeptionellen Unterscheidung zwischen dokumentarischer und textueller Perspektive vollauf bestätigt, sprechen prospektiv jedoch dafür, der textuellen Perspektive wieder Priorität einzuräumen und die dokumentarische Perspektive auf diejenigen Sachverhalte zu konzentrieren, die für die Textentwicklung relevant sind.

[17]2. Erst das makrogenetische Graphmodell bildet die chronologischen Verhältnisse innerhalb der umfangreichen Überlieferung so ab, dass die genetischen Visualisierungen und die zeilensynoptische Variantendarstellung für Nutzende sinnvoll geordnet sind. Es leistet zudem Gewähr dafür, dass die jeweils sichtbare Anordnung auf den philologischen Forschungsstand rückführbar ist. Hier zeigt sich, wie nützlich es ist, Aussagen der Forschung (darunter der eigenen) maschinenlesbar zu formulieren.‍[45] Um Graphen dieser Art anschlussfähiger im Sinne von Linked Open Data zu machen, gilt es, sie künftig in Anlehnung an bestehende Ontologien zu reformulieren und um weitere Entitäts- und Relationstypen zu erweitern.‍[46] Normdaten, etwa für einzelne Teile des lyrischen Œuvres, spielen dafür eine ebenso entscheidende Rolle wie Prozeduren im Umgang mit unscharfen zeitlichen Intervallen,‍[47] möglichen Konflikten zwischen Aussagen etc.

[18]Ungeachtet der historischen Kontinuitäten zu den Vorläuferprojekten ist das Umfeld, in dem digitales Edieren von Werken Goethes stattfindet, durch große Dynamik geprägt. Dies gilt mit Blick auf unmittelbar angrenzende Forschungsfelder,‍[48] auf das Ökosystem aktuell laufender DH-Projekte im Bereich der sogenannten Sattelzeit,‍[49] die infrastrukturellen Entwicklungen, speziell die Task Area Editions innerhalb des Konsortiums Text+ in der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI), vor allem aber mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Etablierung von Generativer KI in digitalen Arbeitsabläufen und Produkten. Die frühe Phase des KI-Zeitalters im eben beschriebenen Sinn bedeutet auch für die digitale Editorik eine Schwellensituation, in der die Erkenntnisse und Lehren aus Vorläuferprojekten wichtig bleiben, aber in einen sich wandelnden Kontext gestellt werden müssen. Abschließend daher vier Überlegungen zu einem kritisch reflektierten Umgang mit Generativer KI im Kontext der digitalen Editorik:

[19]1. KI führt zu mehr Automatisierung, aber nicht unbedingt in dem gleichen Maß zu höherer Effizienz. Der Einsatz von Generativer KI gibt der Automatisierung basaler editorischer Arbeitsschritte einen neuen Schub. Besonders lohnend ist der Einsatz generativer Modelle zur Verbesserung der Ergebnisse herkömmlicher Formen des Machine Learnings (Optical Character Recognition (OCR), Handwritten Text Recognition (HTR)) sowie zur Anreicherung der so gewonnenen Texte (Metadatengenerierung, Auszeichnung inklusive XML, Annotation). Rein Large-Language-Model-basiert geschieht die Korrektur der OCR- oder HTR-Ergebnisse ausschließlich nach sprachlichen Regelmäßigkeiten, ohne Rücksicht auf den handschriftlichen oder typografischen Befund, und geht dann mit stillschweigenden Korrekturen, Normalisierungen und auch Modernisierungen einher. Bessere Ergebnisse im Bereich der Transkription von Handschriften scheinen erreichbar zu sein, wenn ein multimodales generatives Modell bei der Verbesserung zugleich auf Fähigkeiten zur eigenständigen Bildanalyse zurückgreifen kann.‍[50] Die damit verbundenen Potenziale setzen sich jedoch nicht sofort und vollständig in Effizienzgewinne um. Entwicklung und Abarbeitung entsprechender Workflows sowie die Ergebniskontrolle und -korrektur zehren stets zumindest einen Teil der Zeitersparnis auf. Nicht schon der KI-Einsatz als solcher, sondern erst die Qualität des Workflowdesigns entscheidet darüber, ob und inwieweit ein Projekt tatsächlich Effizienzgewinne erzielt. Ein unkritischer Einsatz Generativer KI empfiehlt sich daher schon aus arbeitspraktischen Gründen nicht.

[20]2. KI berührt das Spannungsverhältnis von Verantwortlichkeit und Mittelbarkeit in wissenschaftlichen Editionen, verändert es aber vorerst nicht grundsätzlich. Die obige Rede von Automatisierung ist in gewisser Weise ungenau. Automatisierte Prozesse haben in die Datenverarbeitung (auch die editorische) schon weit vor Ende des 20. Jahrhunderts Einzug gehalten. Diese Prozesse waren, wie komplex auch immer, regelbasiert und ihre Ergebnisse prinzipiell vorhersehbar. Maschinelles Lernen ermöglicht demgegenüber Verarbeitungsergebnisse, die sich nicht auf zuvor definierte Regeln, sondern eine scheinbar autonome, damit unvorhersehbare und nicht zuverlässig reproduzierbare Entscheidung des Systems zurückführen lassen. Aus Nutzendenperspektive ist die Grenze zwischen Automatisierung und Autonomisierung jedoch nicht immer klar erkennbar und in der Praxis daher mitunter irrelevant. Ergebnisse editorischer Prozesse werden durch den Einsatz von KI-Systemen nicht insgesamt weniger vorhersehbar, unzuverlässiger oder um eine prinzipiell neuartige Fehlerquelle reicher. Spielarten eines distant editings lagen schon immer etwa dort vor, wo die Überlieferung nicht von Grund auf neu bearbeitet wird, sondern digitale Versionen vorliegender Editionen an den Vorlagen korrekturgelesen werden, oder wo weitgehend eigenständig agierende Hilfskräfte die Arbeit an der Überlieferung übernehmen. Auch Arbeitsergebnisse, die aufgrund hoher Expertise und methodischer Strenge zustande kommen, sind nicht im oben beschriebenen Sinn regelbasiert oder vollständig reproduzierbar. Für die Bewertung eines Fehlers ist es zudem unerheblich, ob er von der Benutzung einer früheren Edition, einer OCR, einer Hilfskraft, einem wissenschaftlichen Versehen oder einer KI-Halluzination herrührt. Die Integration von KI in editorische Workflows ändert daher nichts an dem grundsätzlichen Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlicher Verantwortung und dem mitunter hohen Grad an Mittelbarkeit der Kontrolle über die Arbeitsergebnisse durch die verantwortlichen Personen.

[21]3. KI verändert die Ansprüche an die Interfaces von Editionen. Anders als die CD-ROM zum Erscheinungszeitpunkt des digitalen Jungen Goethe steht das Internet nicht vor seiner Ablösung, im Gegenteil. Auch dass Websites als eine relevante Form der Bereitstellung von Inhalten verschwinden würden, ist gegenwärtig zumindest nicht abzusehen. Wohl aber werden sich die Gewohnheiten und Erwartungen in Bezug auf die Nutzung von Websites verändern. Das betrifft sowohl die direkte menschliche Interaktion (sprachbasiert statt browsen) als auch deren Rückgang im Vergleich zu KI-vermittelten Formen des Zugriffs (Assistenzsysteme u. a.; die Bedeutung von Application Programming Interfaces (APIs) wird daher noch zunehmen). So anregend der Blick auf gelungene Designentscheidungen in bestehenden digitalen Editionen sein kann: Die Planung künftiger digitaler Editionen sollte auf einem leeren Blatt beginnen und statt einer klassischen Menüstruktur eher die Möglichkeit eines Chatbots (zumindest als Gedankenexperiment) ins Auge fassen. Die tatsächliche Einbindung von KI-Systemen in den Betrieb digitaler Editionen bleibt allerdings reiflich zu überlegen, denn die Ausspielung KI-generierter Inhalte berührt wiederum die editorische Verantwortlichkeit. Für dynamisch erzeugte KI-generierte Inhalte können die Edierenden einerseits nicht in derselben Weise einstehen wie für KI-generierte, aber vor Publikation kontrollierte statische Inhalte oder automatisierte Prozesse. Andererseits bleiben die Edierenden in der Verantwortung für die wissenschaftliche Gesamtqualität und Transparenz des Produkts.

[22]4. Lost in generation? KI verändert die Arbeitsweise und damit die Entwicklung von Expertisen bei Forschenden im Bereich der digitalen Editorik. Wie stark der Einsatz von KI die editorische Arbeit in einigen Bereichen erleichtern kann, ist bereits jetzt erkennbar. Dieser Wandel ersetzt menschliche Arbeit nicht, sondern verändert sie und damit auch, welche Expertisen benötigt und wie sie erworben werden. Dabei können Bedarf und Erwerb von Expertisen in ein Ungleichgewicht geraten. Im Bereich der zentralen editorischen Arbeitsschritte Entzifferung und Textauszeichnung zeichnet sich grob vereinfacht folgende Entwicklung ab: KI-Workflows spielen in beiden Bereichen eine wachsende Rolle. Menschen transkribieren und kodieren entsprechend weniger, stattdessen kontrollieren und korrigieren sie eher. Der Effizienzgewinn bei gleichbleibender oder höherer Qualität des Ergebnisses ist dabei desto größer, je stärker sich die Aufmerksamkeit auf die problematischen Punkte konzentriert. Sowohl dies als auch die richtigen Lösungen schnell zu finden, erfordert Fähigkeiten, die bislang in intensiver eigenständiger, auch mühevoller Arbeit (am Material, im XML-Editor usw.) erworben werden konnten. Wenn Entzifferung und Textauszeichnung in wachsendem Umfang und immer besserer Qualität von maschinellen Agenten zu erhalten sind, entwertet dies die entsprechende menschliche Arbeit. Sie bleibt intellektuell lohnend und anerkannt, wird aber vom Wissenschaftssystem nicht mehr in demselben Maß honoriert (die Übersetzungsbranche bekommt einen Mechanismus dieser Art schon seit einiger Zeit zu spüren). Infolgedessen sinkt der Anteil von Tätigkeiten, bei denen sich umfassende paläografische Kenntnisse und Code Literacy in hergebrachter Weise erwerben lassen, obwohl genau diese für bedeutsame editorische Leistungen nach wie vor benötigt werden. Bildhaft ausgedrückt sind wir dem doppelten Anspruch ausgesetzt, uns mehr und mehr in Augmented-Reality-gestützten Navigationsumgebungen zu bewegen, in kritischen Momenten aber sofort auf die natürlichen Orientierungsfähigkeiten zurückgreifen zu können, so als hätten wir uns nie anders als mit Karte, Kompass und Sternen zurechtgefunden. Das damit umschriebene Problem ist lösbar, muss aber adressiert werden, damit die zunehmende Anwendung von KI digitalen Editionen auch qualitativ zugutekommt.


Fußnoten


Bibliografie

  • Michael Bernays / Salomon Hirzel (Hg.): Der junge Goethe. Seine Briefe und Dichtungen von 1764–1776. 3 Bde. Leipzig 1875. [Nachweis im GVK]
  • Anne Bohnenkamp: [Rezension von] Johann Wolfgang Goethe: Werke. Ausgew. v. Mathias Bertram [und] Johann Wolfgang von Goethe. Zeit, Leben, Werk. V. Jürgen von Esenwein / Harald Gerlach. In: Jahrbuch für Computerphilologie 2 (2000). HTML. [online]
  • Anne Bohnenkamp / Gerrit Brüning / Silke Henke / Katrin Henzel / Fotis Jannidis / Gregor Middell / Dietmar Pravida / Moritz Wissenbach: Perspektiven auf Goethes ›Faust‹. Werkstattbericht der historisch-kritischen Hybridedition. In: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 2011, S. 23–67. PDF. DOI: 10.46500/83531124
  • Anne Bohnenkamp / Silke Henke / Fotis Jannidis (Hg.): Johann Wolfgang Goethe. Faust. Historisch-kritische Edition. Unter Mitarbeit von Gerrit Brüning / Katrin Henzel / Christoph Leijser / Gregor Middell / Dietmar Pravida / Thorsten Vitt / Moritz Wissenbach. Frankfurt / Main u. a. 2018. Version 1.3 RC. vom 12.09.2023. Letzter Zugriff: 12.08.2024. HTML. [online]
  • Gerrit Brüning / Katrin Henzel / Dietmar Pravida: On the Dual Nature of Written Texts and Its Implications for the Encoding of Genetic Manuscripts. In: Jan Christoph Meister (Hg.): Digital Humanities 2012. Conference Abstracts (Hamburg, 16.–22.07.2012). Hamburg 2012, S. 131–134. PDF. DOI: 10.15460/HUP.125
  • Gerrit Brüning / Katrin Henzel / Dietmar Pravida: Multiple Encoding in Genetic Editions: The Case of ›Faust‹. In: Journal of the Text Encoding Initiative 4, März 2013. HTML / PDF. DOI: 10.4000/jtei.697
  • Gerrit Brüning: Goethes Gedichte. Die Weimarer Ausgabe und die Herausforderungen für eine neue historisch-kritische Edition. In: Goethe-Jahrbuch 139 (2022), S. 163–176. [Nachweis im GVK]
  • Gerrit Brüning / Yvonne Pietsch: Integration als Aufgabe der Goethe-Edition. In: editio 39 (2025), S. 78–94. DOI: 10.1515/editio-2025-0006
  • Karl Eibl (Hg.): Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800–1832 (= Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, 1). Frankfurt / Main 1987. [Nachweis im GVK]
  • Karl Eibl / Fotis Jannidis / Marianne Willems (Hg.): Der junge Goethe in seiner Zeit. Texte und Kontexte. In zwei Bänden und einer CD-ROM. Frankfurt / Main u. a. 1998. [Nachweis im GVK]
  • Karl Eibl / Fotis Jannidis / Marianne Willems: [Folienpräsentation zu] Der junge Goethe in seiner Zeit. Texte und Kontexte. Stand: 28.08.1998. Letzter Zugriff: 14.08.2024. PPT zum Download. [online]
  • Karl Eibl / Fotis Jannidis / Marianne Willems: Der junge Goethe in neuer Ausgabe. Einige Präliminarien und Marginalien. In: Roland Kamzelak (Hg.): Computergestützte Text-Edition (= Beihefte zu editio, 12). Tübingen 1999, S. 69–78. [Nachweis im GVK]
  • Walter Fanta: Die ›Klagenfurter Ausgabe Robert Musil‹. Historisch-kritisches Edieren am Computer. In: Jahrbuch für Computerphilologie 8 (2006). 07.09.2007. HTML. [online]
  • Hanna Fischer-Lamberg (Hg.): Der junge Goethe. Neu bearbeitete Ausgabe in fünf Bänden. Berlin / West 1963–1974. [Nachweis im GVK]
  • Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv (Hg.): Gesamtinventar der Goethe-Gedichte. Bearbeitet von Jürgen Gruß / Silke Henke / Judith Steiniger. Letzter Zugriff: 09.08.2024. HTML. [online]
  • Christian Hain: PROPYLÄEN – Forschungsplattform zu Goethes Biographica. Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation für die Goethe-Philologie. In: Goethe-Jahrbuch 140 (2023), S. 183–198. DOI: 10.5771/9783835386815
  • Philipp Hegel / Tessa Gengnagel / Kilian Hensen / Karoline Lemke / Gerrit Brüning: Die interoperable Edition ›sub specie durationis‹. In: editio 38 (2024), S. 135–146. DOI: 10.1515/editio-2024-0008
  • Fotis Jannidis: Elektronische Edition. In: Rüdiger Nutt-Kofoth / Bodo Plachta (Hg.): Editionen zu deutschsprachigen Autoren als Spiegel der Editionsgeschichte (= Bausteine zur Geschichte der Edition, 2). Tübingen 2005, S.  457–470. [Nachweis im GVK]
  • Roland Kamzelak (Hg.): Computergestützte Text-Edition (= Beihefte zu editio, 12). Tübingen 1999. [Nachweis im GVK]
  • Ulrike Landfester: Ein offenes Buch? Autorschaft im Zeitalter der Informationsgesellschaft. In: Anne Bohnenkamp-Renken (Hg.): Medienwandel / Medienwechsel in der Editionswissenschaft (= Beihefte zu editio, 35). (13. Internationale Tagung der Arbeitsgemeinschaft Germanistische Edition, Frankfurt / Main, 17.–20.02.2010) Berlin u. a. 2013, S. 9–18. [Nachweis im GVK]
  • Max Morris (Hg.): Der junge Goethe. Neue Ausgabe in sechs Bänden. Leipzig 1909–1912. [Nachweis im GVK]
  • Rüdiger Nutt-Kofoth: Goethe-Editionen. In: Rüdiger Nutt-Kofoth / Bodo Plachta (Hg.): Editionen zu deutschsprachigen Autoren als Spiegel der Editionsgeschichte (= Bausteine zur Geschichte der Edition, 2). Tübingen 2005, S. 95–116. [Nachweis im GVK]
  • Rüdiger Nutt-Kofoth: Historisch-kritische Ausgabe digital. Eine Reformulierung der neugermanistischen Edition. In: Fotis Jannidis (Hg.): Digitale Literaturwissenschaft. DFG-Symposion 2017 (= Germanistische Symposien). Stuttgart 2022, S. 419–450. HTML / PDF. DOI: 10.1007/978-3-476-05886-7_17
  • Dietmar Pravida / Gerrit Brüning: Komplexe Überlieferungssituationen und Probleme des Autorisationsbegriffs, am Beispiel Goethes. In: editio 33 (2019), S. 94–113. DOI: 10.1515/editio-2019-0007
  • Patrick Sahle: Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels (= Schriften des Instituts für Dokumentologie und Editorik, 7–9). 3 Bde. Norderstedt 2013. [Nachweis im GVK]
  • Stiftung Weimarer Klassik, Goethe- und Schiller-Archiv (Hg.): Inventare des Goethe- und Schiller-Archivs. Bd. 2: Goethe-Bestand. Teil 1: Gedichte. Redaktor: Gerhard Schmid. Weimar 2000. [Nachweis im GVK]
  • Thorsten Vitt: Graph Models for the Genesis of Goethe’s ›Faust‹. In: Constance Crompton / Laura Estill / Jennifer Guiliano (Hg.): Digital Humanities 2020. Book of Abstracts. (Ottawa, 22.–24.07.2020). Ottawa 2020, S. 310–313. HTML. [online]

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1: Startbildschirm der CD-ROM-Anwendung Der junge Goethe in seiner Zeit. Rote Farbe weist auf Sprungverknüpfungen hin. [Aus: Eibl et al. 1998, Folie 5]
  • Abb. 2: Suchmaske der CD ROM-Anwendung Der junge Goethe in seiner Zeit. Das Popup zeigt links einen Wortindex, im Eingabefeld den Suchstring »kran*k* z* Tod*« mit Platzhaltern, rechts die Vorgabe der Länge der Syntagmen, innerhalb derer das Suchmuster erfüllt sein muss (10 Wörter) und in der Mitte eine Trefferstatistik mit Aufschlüsselung auf Teilstrings. [Aus: Eibl et al. 1998, Folie 35]
  • Abb. 3: Dokumentarische Ansicht der Faustedition. [Aus: Bohnenkamp et al. (Hg.) 2023, 2 III H. 71, S. 2]
  • Abb. 4: Zeilensynopse des Bereichs »Text« der Faustedition mit chronologisch geordneten Varianten zu Vers 9899. Der zugrundeliegende Teilgraph (Abb. 5) ist über den Link »Makrogenese-Lab« aufrufbar. [Aus: Bohnenkamp et al. (Hg.) 2023, Faust. Eine Tragödie. Konstituierter Text. Bearbeitet von Gerrit Brüning und Dietmar Pravida].
  • Abb. 5: Makrogenetischer Teilgraph, ausgehend von der Handschrift 2 III H. 71 mit Visualisierung der in der bisherigen Forschung vertretenen Annahmen zur absoluten und relativen Chronologie. [Aus: Bohnenkamp et al. (Hg.) 2023, 2 III H. 71, Teilgraph]