Gutachten 1 für König 2026

Gutachten vom 05.05.2026

Empfohlene Zitierweise: Andreas Fickers: Gutachten zu Mareike König: Fertig – vorerst. Unfertigkeit als epistemischer Wert in den digitalen Geisteswissenschaften. In: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften. 05.05.2026. https://doi.org/10.17175/2026_002_r1

Inhalt und Aufbau des Beitrags

☑ Es werden klare Arbeitshypothesen vorgetragen.
☑ Es wird eine sinnvolle Eingrenzung der Thematik vorgenommen.
☐ Die verwendeten Methoden werden angemessen vorgestellt.
☐ Die eigene methodische Vorgehensweise wird angemessen reflektiert.
☑ Es gibt eine nachvollziehbare Argumentationsführung.
☐ Die gesetzten Ziele werden eingelöst.
☑ Die Forschungslage wird angemessen berücksichtigt.

Kommentar: Der Aufsatz ist klar strukturiert und Hypothesen und Argumente sind deutlich und nachvollziehbar.

★★★★☆☆☆
Inhaltliche Qualität
Exzellente Arbeit und bedeutender Beitrag

Kommentar: Der Aufsatz leistet einen wichtigen Beitrag zur Reflektion über epistemische Werte und Tugenden in den digitalen Geisteswissenschaften. Das Thema ist - gerade im Kontext aktueller Debatten um die Rolle von künstlicher Intelligenz in der Produktion von Wissen - hochaktuell.

★★★★★
Bedeutung für Theorie oder Praxis
Bedeutsam

Kommentar: Das Nachdenken über die Prozesshaftigkeit geisteswissenschaftlicher Wissensproduktion in der digitalen Wissensökonomie leistet einen wichtigen Beitrag zur kritischen Reflektion über die "Halbwertzeit" von Erkenntnissen und der Vorläufigkeit von Wissensbeständen und "Tatsachen". Fragen von Evidenz und Nachhaltigkeit sowie der Transparenz sind zentraler Bestandteil der digitalen Hermeneutik und somit sowohl von theoretischer wie praktischer Bedeutung für die Geisteswissenschaften.

★★★★☆
Originalität und Innovationsgrad
Einen Schritt voraus

Kommentar: Der Aufsatz fußt auf bestehenden Ansätzen und Konzepten der klassischen Erkenntnistheorie, in denen "Unfertigkeit" bzw. die Prozesshaftigkeit und iterative Natur von Wissensproduktion zum Kanon sozialkonstruktivistischer Perspektiven gehört. Er denkt sie aber konstruktiv weiter in Richtung infrastruktureller, karrieretechnischer und gesellschaftspolitischer Dimensionen und bietet daher Stoff für weiterführende Debatten.

★★★☆☆
Qualität der Darstellung (Aufbau, Sprache / Stil)
Gut geschrieben

Kommentar: Der Aufsatz ist sehr klar strukturiert und stilistisch wie sprachlich makellos.

★★★★☆
Gesamturteil des eingereichten Beitrags

Definitiv annehmen (sehr hohe Qualität)

Ampel auf gruen
Schlusskommentar

Der Aufsatz "Fertig - vorerst" problematisiert grundlegende epistemologische, methodologische und wissenschaftspolitische Fragestellungen und Herausforderungen der digitalen Geisteswissenschaften. Das Problem der "Unfertigkeit" bzw. der vorläufigen Gültigkeit evidenzbasierter Argumentationen und Interpretationen wird von der Autorin nicht als "Schwäche", sondern als wesentlicher Bestandteil und Charakteristikum der digitalen Geiteswissenschaften beschrieben. Die Unfertigkeit bezieht sich dabei nicht nur auf die Produkte der Erkenntnisproduktion, deren digitale Nachhaltigkeit ein eigenes Problemfeld aufwirft, sondern auch auf die dem iterativen Forschungsprozess eingeschriebenen "feedback loops" zwischen Datensammlung, -Analyse, -Interpretation und -Visualisierung. War das Buch eine "epistemische Geste der Stabilität", zeichnen sich aktuelle Formate der datengetriebenen Erzählungen durch Gesten der Fluidität und Hybridität aus, die ihnen eine Aura der Vorläufigkeit verleihen. Die diesen Formaten eingeschriebene Volatilität im Sinne alternativer und zukünftiger "Umdeutungen" oder "Transfigurationen" machen sowohl den Reiz als auch das Risiko von digitalen Wissensprodukten aus.

Verbesserungsmöglichkeiten / Überarbeitungsvorschläge

Im dritten Abschnitt des Aufsatzes ("Das Problem des Ferigwerdens") könnte man auch auf die Arbeiten von Michel Serres verweisen, der die Methapher des "randonneur" stark gemacht hat, um den sich im Forschungsprozess fortbewegenden Erkenntnishorizont zu beschreiben. Auch Hans-Jörg Rheinbergers letztes Buch "Spalt und Fuge" bietet eine Menge Anregungen, die man auf den experimentellen Charakter des digitalen geisteswissenschaftlichen Forschungsprozesses "anwenden" könnte. Von besonderer Bedeutung erscheint mir hier die Rolle der Dokumentation der diversen Stadien bzw. Etappen des iterativen Forschungsprozesses, ohne die eine Überprüfbarkeit von Forschungsergebnissen nicht mehr möglich ist (Stichwort "Transparenz"). Allgemein bietet Sybille Krämer's Buch "Der Stachel des Digitalen. Geisteswissenschaften und Digital Humanities" zahlreiche Anknüpfungspunkte, welche die vorliegenden Überlegungen noch philosophisch und erkenntnistheoretisch anreichern könnten. Rezente Überlegungen zum "upcycling" von Forschungsdatenbeständen würden thematisch gut in den Abschnitt zu strukturellen und technischen Herausforderungen passen, sowie Überlegungen zu Nachhaltigkeit (siehe etwa https://dhq-static.digitalhumanities.org/pdf/000484.pdf).